Page 12 - Gedenkschrift Philipp Franz von Siebold zum 150. Todestag (Auszug)
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Salon, den er mit seiner ebenfalls literarisch tätigen Frau führte, war gesucht bei
den Literaten von Paris. Auch der junge Marcel Proust ließ sich von Madame
Daudet in ihren Salon einführen, was für ihn sehr wichtig war. Er blieb Zeit sei-
nes Lebens mit dem Ehepaar Daudet und deren Söhnen Léon und Lucien befreun-
det.

Dass sich Alphonse Daudet für Japan interessierte, ist nicht abwegig. Einer
seiner engsten Freunde war Edmond de Goncourt, bekanntlich der führende „Ja-
poniste“ in Paris. In der Erzählung finden sich einige Fehler. Der Name
„Sieboldt“ wurde von Daudet schon im Original falsch geschrieben, und Siebold
hat nicht „mehr als dreißig Jahre in Japan“ gelebt. Auch die zeitlichen Angaben
stimmen in der Erzählung nicht.
Siebold war nicht im Frühjahr 1865, sondern im Oktober in Paris, um Kaiser
Napoleon III. den Plan einer Handelsgesellschaft vorzutragen. Der Krieg brach
erst im folgenden Jahr, 1866, aus. Auch Daudets München Aufenthalt lief zeitlich
anders ab, als er schreibt. Mit der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 war der
Krieg eigentlich schon entschieden, aber die süddeutschen Truppen verteidigten
noch Würzburg. Ende Juli kam es dann zu Gefech-
ten bei Würzburg. Daudet schreibt, dass er zehn
Tage in München verbrachte, dann könnte er aber
diese Gefechte nicht miterlebt haben, denn er hat
Siebold auf dem Totenbett gesehen, und dieser starb
am 18. Oktober.
Daudet hat die „Contes du Lundi“, aus denen
diese Geschichte stammt, 1880 verfasst. Ob seine
Erinnerung ihn trog, oder ob er aus literarischen
Gründen die Zeit verschob, ist nicht bekannt. In
München war er tatsächlich, um Siebold zu besu-
chen. Sein „Gasthof zur Blauen Traube“ unter dem
Wirt Karl Fritz stand in der Dienersgasse (heute:
Dienerstraße) Nr. 11, doch der französische Ge-
sandte hieß damals Renaud d'Avesnes, Vicomte des
Meloizes-Fresnoy, der in München bis 1867 blieb. Da die Kaiserlich Französische
Gesandtschaft sich in der Schwabinger Landstraße Nr. 25 befand, hätte Daudet
wirklich leicht zu Fuß dorthin gehen können.
Anders als er schreibt, war die Erregung in der Bevölkerung über diesen Krieg
doch groß. Der Minister, den er im Gasthaus beim Bier sah, war der Minister des
Äußern und des Königlichen Hauses Ludwig Karl von der Pfordten, und bei dem
Onkel des Königs handelt es sich um Prinz Luitpold, den späteren Prinzregenten.
Von der Pfordten hatte damals wirkliche Sorgen: Nach dem verlorenen Krieg trat


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