Page 16 - Gedenkschrift Philipp Franz von Siebold zum 150. Todestag (Auszug)
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werden, unklar ist auch, ob sich im Wunderkammerbestand des 16. Jahr-
hunderts bereits Objekte aus Japan befanden.
Pater Ferdinand Orban (1655-1732) war Lehrer an mehreren Universitä-
ten, gleichzeitig Prediger an verschiedenen Fürstenhöfen, aber auch ein
vielseitiger, vor allem in den Naturwissenschaften bewanderter Gelehrter.
Durch seine weitreichenden Verbindungen trug er zwischen 1680 und
1732 eine große Sammlung von Raritäten zusammen, darunter auch Bei-
spiele japanischen Kunsthandwerks. Die Sammlung befand sich bis 1724
in Landshut; im 18. Jahrhundert gehörte sie zu den berühmtesten Sehens-
würdigkeiten in Bayern. Dies führte aber zu Zwistigkeiten mit Orbans
Ordensoberen, welche diese zu seiner Zeit seltene und damit wertvolle
Sammlung im Jesuitenbesitz behalten wollten. Orban hatte sie nach In-
golstadt überführt, wo sie schließlich in den Besitz der Universität In-
golstadt überging und später mit dem Umzug der Universität nach Mün-
chen kam. Die Universität verteilte sie 1881 als Leihgabe auf das Bayeri-
sche Nationalmuseum, die Staatsgemäldesammlungen, die Universitäts-
bibliothek und das Museum Fünf Kontinente.
Diese Sammlungen hatten Vorläuferfunktion, ebenso wie die später
von den Wittelsbachern hinzu erworbenen ethnographischen Sammlun-
gen, die über die Stadt verstreut, z.B. in der Akademie oder in den so ge-
nannten Vereinigten Sammlungen im Galeriegebäude am nördlichen Hof-
garten besichtigt werden konnten. Beispiele dafür sind die Sammlung Spix
und Martius aus Brasilien sowie Objekte der Sammlungen von James
Cook (1728-1779) und Adam Johann von Krusenstern (1770-1846), die Kö-
nig Max I. Joseph (reg. 1799-1825, seit 1806 König) erwarb. Bis zur Wende
vom 18. zum 19. Jahrhundert handelte es sich bei dieser Art des Zusam-
mentragens von Sammlungen nicht um ein systematisches Sammeln, son-
dern eher um den Erwerb von Raritäten und Exotica, die den Betrachter
zwar das Seltsame und Ungewöhnliche bestaunen ließen, aber doch nur
begrenzt über die Kulturen unterrichteten, denen sie entstammten. Erst
die stetig zunehmende Intensivierung und Ausdehnung des Handels und
des Verkehrs mit außereuropäischen Ländern im 19. Jahrhundert sowie
die daraus resultierende Gründung von Handelsniederlassungen und
später Kolonien förderte auch die Zunahme ethnographischen Materials
und ethnographischer Kenntnisse in Europa.
D
er eigentliche Beginn des systematischen Sammelns von Japonica
unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ebenso wie die Grün-
dung eines Völkerkundemuseums in München steht in engem


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