独日協会 Deutsch-Japanische Gesellschaft
in Bayern e.V.

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Tagesveranstaltung der DJG in Bayern e.V.

Das Gesicht (Kao) 顔
(Vielfach preisgekröntes Roadmovie, das in Japan zum Indepen-dent-Hit avancierte)

Samstag, 15.09.2012 (Beginn: 19:00 Uhr)

Die sadistische Yukari besucht gelegentlich ihre Schwester Masako, die ein trostloses Leben in Kobe führt. Masako ist eine recht unbeholfene und verschlossene Frau Ende Dreißig, die im Schatten ihrer jüngeren, bildschönen und koketten Schwester steht. Masako ist ungelenk, übergewichtig, nicht allzu clever und höchst emotional. Von ihrem Platz hinter der Nähmaschine im Obergeschoss der Reinigung ihrer Mutter aus schaut sie zu, wie ihr Leben an ihr vorüberzieht. Die Besuche ihrer so hübschen und lebhaften Schwester sind darin keine angenehme Abwechslung. Eines Tages bricht Masako aus: Nach dem plötzlichen Tod der Mutter kommt es zu einem Streit zwischen den Schwestern. Masako bringt ihre Schwester um und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Sie flieht und eine endlose Reihe von Abenteuern beginnt. Ein Krimi über die entschlossene Suche einer Frau nach Freiheit.

Der japanische Regisseur Sakamoto Junji ist im Westen kaum bekannt, obwohl seine ungewöhnlichen, oft humorvollen und mit Genre-Motiven jonglierenden Arbeiten zu den originellsten japanischen Independent-Filmen der letzten Dekaden zählen. „Gesicht“, sein bestes und subtilstes Werk, nimmt auch insofern einen besonderen Platz in seinem OEuvre ein, als hier zum ersten Mal eine Frau im Mittelpunkt steht. Auch die Nebenfiguren sind lebendige und plastische Portraits von Frauen des gegenwärtigen Japan.

Regie: Junji Sakamoto / Buch: Junji Sakamoto, Isamu Uno
Darsteller: Naomi Fujiyama, Etsushi Toyokawa, Michiyo Ogusu
Japan 2000 / Länge: 123 Min. / Sprache: Japanisch mit deutschen Untertiteln

«Das Gesicht» von Junji Sakamoto ist nur oberflächlich ein pfannenkuchenplatter Roadmovie, darunter aber bläht er bescheiden zur Kritik einer Gesellschaft, die selbst den Herd stark erhitzt hat und zeigt, dass auch Verbranntes durchaus noch zum Kaiserschmarrn gereicht. Eine Vorverkostung des am 15.09 im Gasteig präsentierten Films durch Maximilian Stoiber.

Gesprengte Ketten

Ihr genaues Alter kennt man nicht. Auch ihr Gesicht verrät nicht viel mehr, als dass Nahrungsaufnahme für sie mehr als bloße Notwendigkeit zu sein scheint. Auf den im Internet verfügbaren Bildern erblickt man eine Frau gegen Ende Dreißig, die wahlweise mit Mundschutz am Betrachtenden vorbei starrt oder selig gen Himmel lächelt. Auch der Trailer klärt einen nicht über ihre Persönlichkeit auf, es sei denn, man hält ihre feisten Schenkel und die zum bequemen Kampfsportüberwurf gewachsenen Schultern für Ausprägungen eines vom jahrelangen Diskuswerfen eingeforderten, unbarmherzig-masochistischen Kampfgeists. Ihr Name lautet Yoshimura Masako (Fujiyama Naomi) und sie ist wahrlich keine Olympionikin, sondern talentierte Näherin, Kitschliebhaberin, jungferliche Jungfrau, älteste Tochter einer Wäschereieignerin, sowie Schwester der eleganten Barhostess Yukari (Makise Riho). Auch versteht sie sich gut mit den vielen kleinen, süßen, insbesondere trägen Tieren ihrer engmaschigen Fantasiewelt und der Wahnsinn brennt in ihren Augen, heller als bei Nietzsche im dionysischen Endstadium. Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig und führten, die bereits in jungen Jahren «gegretele» Schülerin, in die unfreiwillige Isolation. Mit den Jahren ist so aus Masako eine borderline- neurotische, pummelige und bummelige, introvertierte Ungestalt geworden, die ihr trübes Dasein im finst‘ren Speicherloch an der ratternden Nähmaschine verbringt und sich die leidvollen Stunden voll Einsamkeit und Stumpfsinn auf den präfrontalen Cortex tätowiert.

Wo für gewöhnlich nur sofortige Lobotomie Abhilfe schaffen kann, stellt sich bei Masako ein anderes Ereignis ein, welches die erste Ursache für ihren Befreiungsschlag setzt: Der Tod ihrer Mutter an karoshi (dt.: Tod durch Überarbeiten) nach einem arbeitsamen Dasein voller 12-Stundenschichten. Die zweite Ursache muss in Verbindung mit ihrer Schwester Yukari gesehen werden. Diese plant -folgerichtig- den familieneigenen Betrieb in einen mondänen Coffee Shop zu transformieren und Masako vor die Tür und damit der Welt auszusetzen, was dieser sehr widerstrebt. Überwältigt von den zahlreichen Demütigungen seitens ihrer weltgewandten Schwester und der tiefen Verzweiflung über den Tod ihrer einzigen Bezugsperson, kommt die angespannte Beziehung dann auch zu einem jähen Ende: Gnädig blendet dabei der Film eine furienhafte Entladung Masakos aus und die tot am Boden liegende Yukari ein - stranguliert mit festem, rotem Strickzeug.
Befreit von den altlastigen Strukturen ihres Daseins, beginnt die Odyssee von Norden gen Süden Japans, eine Reise voller eskapistisch-eruptiver Momente und Perioden, in der die Welt sie erstmals in Empfang nimmt, aber auch wegen ihrer vergangenen Untat in Seinsleere abstößt. Nicht aber die Angst schiebt sie dampfwalzenartig durch allerlei Stationen des Lebens -begleitet unter anderem vom großen Kobe Erdbeben 1995-, sondern ihr Drang, endlich zu begehren, endlich das Leben zu atmen, kein Mitleid zu empfangen und im Geiste eines unaufhaltsamen proto-existentiellen Triebes die defätistischen Flanken von staatlicher Repression und gesellschaftlicher Degeneration zu sprengen - um ihrer Freiheit willen.

Nachschlag

Welche Art und Qualität der gesammelten Eindrücken aber den Horizont Masakos verbreitern, bestimmen die folgenden eineinhalb Stunden des Films, welcher im Wesentlichen aus zwei Erzählebenen konstruiert ist. Jedoch sollte man auf dessen Doppelbödigkeit vorbereitet sein, da es einem die sympathischen Clownereien und Tollpatschigkeiten Masakos allzu leicht macht, die Beweggründe des Regisseurs auszublenden.

Noch relativ offenkundig durchlebt Masako eine typische Entwicklungsgeschichte, vom ungelenken Trampel zur kämpferischen und selbstbewussten Frau, wie sie etwa auch Angela Merkel erfahren haben muss. In der Parabel der Selbstfindung oder anders: in der Konfrontation des Ichs mit seiner Umwelt, orientiert sich Regisseur Sakamoto Junji an Einflüsterer und Regielegende Shohei Imamura, dessen geistiges Kind er ist. Parallelen in Handlung und Aufbau zu Imamuras meisterhaftem Film «Vengeance is mine» (Fukushu suru wa ware ni ari) von 1979, lassen sich geradezu unverschämt ziehen, wäre da nicht diese Frau. Auch spielte Sakamoto mit dem Gedanken, den Film «Das Insektenweib, die die Welt erobert», zu taufen - eine Anspielung an Imamuras Frühwerk von 1963 «Das Insektenweib» (Nippon konchuki) mit analoger Metapher. Regisseur Sakamoto selbst ist dabei im Alter schon mutig fortgeschritten, muss aber als filmschaffender Spätzünder gelten, hatte er sein Debüt erst mit Anfang dreißig. Dabei bewegen sich kurioserweise die Themen seiner Arbeiten überwiegend im «Fighting»-Genre, was aber auch «Kao» zugutekommt; kann er sich doch auch «Kampffilm» nennen. In der Retrospektive lässt Sakamoto hierzu durchblicken, Masako sei «er selbst oder jedenfalls verkörpere sie meine These, dass japanische Frauen die zahlreichen Belastungen der Gegenwart wesentlich kreativer bewältigen als Männer» - er bleibt der Tradition also treu und spielt nur mit dem singulär männlichen Reiz des Geschlechtertausches.

Mit der Wandlungshandlung geschickt verwebt, ist zudem eine besondere Form der Konfliktbewältigung: Eine Art von Robinsonade. Nicht dass es dabei um eine Anspielung auf den japanischen Inselstatus gehen würde…nein, entscheidend ist die Ausgangslage der gesellschaftlichen Isolation, gepaart mit einem Instrumentarium der Lage selbst Frau zu werden, welches einerseits in ihrem unbändigen Willen und andererseits ihrer Adaptionsfähigkeit gesehen werden kann. So landet Masako beispielsweise in einer kleinen Kellerbar, in der ihr unfreiwillig die Rolle einer Hostess zugeteilt wird. Schnell gewöhnt sie sich an die neue Situation, ändert ihre Sicht auf die «schmutzige Arbeit» ihrer Schwester Yukari und beginnt sich mit der neuen Situation zu arrangieren.
Im Gegensatz zur Ersten, ist die zweite Erzählebene schwieriger zu entschlüsseln, in der das Drehbuch jedenfalls versucht, eifrig Gesellschaftskritik zu üben und dabei recht allgemeingültige, aber dennoch wichtige Missstände anprangert, die auch der wesentlichen Sphäre immanent sind. Ein Element dieser Kritik lässt sich als Anklage der Umstände verstehen, die dafür verantwortlich sind, dass Masako sich zu einer geistig entrückten Person entwickeln konnte. Wobei einerseits dem Elternhaus die Schuld zu geben ist -die biestige Schwester eingeschlossen- und andererseits der leistungsorientierten Nachkriegsgeneration, die -so komplex auch die Situation ist- für die Mentalität der selbstlosen Hingabe seiner Arbeitskraft steht, was wiederum über Masakos Eltern schädlichen Einfluss genommen hat. Zwar ließe sich argumentieren, dass es ihrer Schwester Yukari doch anders ergangen ist, dennoch sind für jede Persönlichkeitsbildung nicht nur Umweltfaktoren verantwortlich, sondern auch die jeweiligen Anlagen, die es entsprechend zu berücksichtigen gilt. Hierin liegt der Vorwurf.

Ein weiteres Element und missverständlicher Brennpunkt ist die Betrachtung Masakos nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer. Opfer nämlich durch besagte Umstände, die sie erst zur Mörderin geformt haben. Diese sind dabei aber so komplex und langfristig kausal -wie jede Persönlichkeitsbildung-, dass hieraus zwar keine rechtliche Rechtfertigung gewonnen werden kann, aber kriminalpolitisch wird ein ewiges Thema markiert. Die polemische Kurzform ist altbekannt und projiziert die ursprüngliche Aussage «Schuld der Person» ins Negative, als «Schuld der Gesellschaft, bzw. des Systems». Diese Struktur wurde bereits in Fritz Langs fast vergessenem Jahrhundertfilm «M - Eine Stadt sucht einen Mörder», von 1931 verwandt, der ähnlich missverständlich aufgefasst werden kann - in gleicher Motivation wird hier wie dort die Pluralität der Schuldadressaten behandelt.

Prägen in Langs‘ Film Massenhysterie und Lynchjustiz das Bild, so liegt das Strafverfolgungs- system in «Kao» fast brach, was sich etwa an leerstehenden Polizeistationen oder unaufmerksamen Polizisten zeigt. Auch ist die ganze Szenerie mit vielen zweifelhaften, bis zwielichtigen Nebendarstellern angereichert, die selbst für Masako intuitiv zum Grenzmilieu der Gesellschaft gehören - Mörderinnen, Vergewaltiger, Spielsüchtige, Nihilisten, Zuhälter und Yakuza. Hier stellt sich ebenfalls die Frage nach deren Beweggründe und überhaupt deren Existenz im Land. Ersterer kommt der Regisseur an sich auch eifrig nach, nur werden die zahlreichen Nebenhandlungen, ob Masakos ungewöhnlicher Resonanz auf derartige Situationen, zur Peripherie deklassiert. Natürlich lässt sich Perfektion auch in diesem Film nicht erreichen, bloß behindert ein solcher -bewusster- Fokus die Darstellung sonstiger Beweggründe massiv.

Jedenfalls entschädigt die fabelhafte Verkörperung Masakos, durch die in Japan langjährig auf Theaterbühnen beheimatete Fujiyama (nomen est omen) Naomi, für die problematische Schwerpunktsetzung. Ihre Interpretation dieser stark schwerkraftaffinen Figur, die wie eine gehetzte Dampfwalze mit Pitbullethos ein fantastisch überdrehtes Rollenverständnis demonstriert, zeugt wahrlich von großer Kunst und verleiht dem Film überhaupt erst seine Seele. Auffällig ist weiterhin, dass deren Drehbuchpersönlichkeit im Film mehrmals einem Eros nachhängt, mit dem Freudjünger tüchtig Feldforschung betreiben könnten. In ausgedehnten Vergewaltigungsszenen soll vor allem die Komplexität menschlicher Sexualität demonstriert werden, deren Ausprägung im konkreten Fall auf Masakos Sozialisierung rückgeführt werden müssen. In der ganzen Begegnungsgeschichte (Roadmovie) wird so das volle Kontrastprogramm des Lebens durchexerziert.

Kaiserschmarrn

Ein eindeutiges Fazit zu finden, bereitet somit bei «Kao» Schwierigkeiten. Zugegeben: wirklich originell ist das Konzept nicht, insbesondere kommen die ambitionierten Motive durch die Gewichtung nicht vernünftig zur Geltung und der Rezensent hat den Verdacht, dass sie ohne Vorwissen -zumindest beim ersten Durchgang- nicht als entscheidend wahrgenommen werden könnten. Zudem ist der Spannungsbogen bei über zwei Stunden Laufzeit auch nicht über die Maßen stark gespannt; so will trotz Fluchtimpuls keine rechte Dynamik aufkommen - ein mutiger Schnitt hätte aus dem Film ein Fest machen können. Dafür ist Masakos comichafte Darstellung ganz meisterhaft und unterhält fast für sich allein, auch hat der Film mit einem entsprechenden Vorwissen oder bei besonders aufmerksamen Zuschauern einen Effekt, der über ein zufriedenes Schmunzeln in Rückblick hinausgeht. Natürlich soll die Groteske auch unterhalten und beglücken, was jedoch nichts am bitteren Unterton ändert.
Trotz der Schwächen kann der Film, der am 15.09 in Zusammenarbeit mit dem Japanischen Kulturinstitut in Köln, der Münchner Stadtbibliothek und natürlich der DJG gezeigt wird, empfohlen werden, zumal die DVD hierzulande schwer beschafft werden kann, die Untertitel deutsch sind und die Veranstaltung umsonst ist.

Eintritt / Teilnahmegebühr

kostenloser Eintritt. Da mit großem Andrang gerechnet wird, ist ein rechtzeitiges Erscheinen empfehlenswert.

Veranstalter

DJG in Bayern und Münchner Stadtbibliothek am Gasteig mit Unterstützung des japanischen Kulturinstituts in Köln

Veranstaltungsort

Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek am Gasteig, Rosenheimer Str. 5, München

Inhalt und Layout © Deutsch-Japanische Gesellschaft in Bayern e.V.

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