Philipp Franz von Siebold (1796-1866),
der „Japanentdecker“ aus Würzburg

Wer als wissbegieriger Leser Anfang des 19. Jahrhunderts im vierbändigen Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur, bei F.A. Brockhaus in Leipzig zwischen 1832 und 1834 erschienen, nach „Japan“ suchte, wurde enttäuscht: Es gab keinen Eintrag über das Land. Über China dagegen sehr wohl, und Brasilien wurde sogar mit 12 Seiten gewürdigt, wobei vor allem aus den Schriften von Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868) zitiert wurde, dem Brasilienforscher aus München, dessen Namen man im Lexikon allerdings auch vergeblich suchte. 

Natürlich gab es bereits Literatur über das fernöstliche Land, vor allem verfasst von Holländern und Angehörigen anderer europäischer Länder, die für einige Jahre in der holländischen Faktorei in Nagasaki leben konnten. Oft hatten sie auch kleinere Sammlungen von ihrem Aufenthalt mitgebracht, die Aufsehen erregten. Aber der Nachhall dieser Ereignisse in Deutschland war sehr schwach, zu sehr standen zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Frage der politischen Entwicklung und die unklaren Ziele im Vordergrund, wie Deutschland einmal aussehen sollte.

Signiertes Porträt von Philipp Franz von Siebold, 1875, Unbekannter Künstler "E. Chargouey"

Signiertes Porträt von Philipp Franz von Siebold, 1875, Unbekannter Künstler "E. Chargouey"

Doch zur Zeit der Veröffentlichung des Lexikons war Philipp Franz von Siebold bereits von einem ersten Aufenthalt in Japan zurückgekehrt und begann, durch seine Publikationen Japan in seinem Heimatland bekannt zu machen. Drei große Werke hat er unter großen Kosten und Mühen veröffentlicht, weshalb die Bezeichnung „Japanentdecker“ (im 19. Jahrhundert) gerechtfertigt ist. 

 

Auch er war als „Holländer“ (mit einem holländischen Pass) 1823 nach Japan gereist, obwohl er waschechter Würzburger war und nur durch einen Zufall an den Auftrag gelangte, das unbekannte Land so weit wie möglich als Naturforscher zu beschreiben. Seine Werke konnten nicht vollständig sein, da gerade das Erforschen Japans von den japanischen Behörden untersagt war, und jedes Außerlandbringen von Material strengstens geahndet wurde. 

Wie jeder seiner Vorgänger hat Siebold genau das getan, und wurde – als das 1828 bei seiner geplanten Ausreise aufkam – nach einem Prozess Ende 1829 für immer aus Japan verbannt. Die nächsten Jahre nach seiner Rückkehr war er mit seinen Werken beschäftigt und der unermüdlichen Werbung in den europäischen Ländern, Japan als möglichen Partner in Betracht zu ziehen. 

Manche seiner Vorschläge wurden tatsächlich verwirklicht, aber erst Jahre später nach seinem Tod 1866 in München. Da war er gerade damit beschäftigt, dem bayrischen Staat seine Japansammlung von der zweiten Reise anzubieten, denn nach der Öffnung Japans für außenpolitische und Wirtschaftsbeziehungen mit dem westlichen Ausland durch den amerikanischen Commodore Matthew C. Perry 1853 und dem folgenden ersten außenpolitischen Vertrag Japans 1854 durfte Siebold wieder nach Japan einreisen.

Er war nicht allein, sein Sohn Alexander (1846-1911) begleitete ihn, der in Japan blieb und später als Berater und Diplomat in japanischen Diensten viele Ideen seines Vaters umsetzen konnte. 

Siebolds Japan-Sammlung wurde tatsächlich von Bayern angekauft, aber erst Jahre nach seinem Tod. Sie ist heute im Museum Fünf Kontinente (früher: Völkerkundemuseum) in München untergebracht. 

Sein Grab befindet sich auf dem Alten Südlichen Friedhof in München. Noch im 19. Jahrhundert wurde es häufig von japanischen Studenten aufgesucht, die nach der Öffnung Japans 1868 gerne nach München kamen, um hier zu studieren oder zu promovieren. Dank Siebold, von dem langsam bekannt wurde, dass er gar kein Holländer, sondern Deutscher war, wurde Deutschland in Japan prominent und hatte in der Entwicklung des Landes, vor allem in der Medizin, eine große Bedeutung. Auch japanische Politiker hielten sich gerne an Deutschland. Nicht nur, weil das Deutsche Kaiserreich konservativ war, beide Länder waren politische Spätentwickler und mussten sich ihren Platz unter den Nationalstaaten noch sichern. 

Das genau war Siebolds Gedanke gewesen, dass es nicht unbedingt europäische Erzeugnisse seien, die Japan brauchte, da es selbst alles Nötige produzieren könne. Siebold wünschte sich dagegen enge wissenschaftliche Verbindungen zwischen den beiden Ländern, denn er selbst hatte das hohe wissenschaftliche Interesse von Japanern an fremdem Wissen kennengelernt und immer sehr geschätzt. Von der großen Erfahrung und der Gelehrsamkeit seiner japanischen Freunde konnte er selbst immer wieder profitieren und bei der Abfassung seiner Werke nutzen. 

Bereits 1826 wurde er als ausländischer Gast Mitglied in einer Vereinigung japanischer Botaniker, ein Vorbild für die späteren engen Kontakte, die zwischen Japan und Deutschland geknüpft wurden. 

Das geschah erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg, das in dieser Beziehung an das 19. Jahrhundert anschloss, denn im Ersten Weltkrieg waren Deutschland und Japan Gegner, und die Nazizeit hatte nur nationalistische Werte in den Vordergrund gestellt. 

Siebolds Werke über Japan, vor allem das Hauptwerk Nippon, sind heute zwar inhaltlich überholt, bleiben aber von großem historischem Wert. 

Für die Deutsch-Japanische Gesellschaft in Bayern ist er ein Vorbild in seinem Bemühen, Japan hierzulande bekannt zu machen, aufzuklären und Freunde für Japan zu gewinnen.